Grundsatzthesen der
Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis
(ehemals Evangelische Vereinigung um Bibel und Bekenntnis)

0. Beschreibung der Entstehungssituation der Thesen
Die gegenwärtige kirchliche Situation wird von vielen als krisenhaft empfunden: Abnehmender  Gottesdienstbesuch, Kirchenaustritte, Finanznot, Arbeitslosigkeit unter Theologinnen und Theologen bei gleichzeitigen Nachwuchssorgen, schwindende gesamtgesellschaftliche Akzeptanz, wachsende Konkurrenz im karitativen Bereich, im Bildungsbereich und auf dem sog. "religiösen Markt" - dies sind einige der vielfältig ineinander verflochtenen Gründe des Krisenempfindens.
Zu wenig wird gegenwärtig aber gefragt, was diese zu beobachtenden Bewegungen in der sichtbaren Kirche theologisch für unser Kirchesein bedeuten. Die Krisensymptome werden oft einseitig auf die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Kirche an aktuelle Gegebenheiten (z.B. pluralistische Gesellschaft) und auf veraltete Strukturen zurückgeführt. Die Krisendiagnose wirkt dann häufig überproportional als handlungsleitendes Motiv.
Dabei droht der Blick auf das verlorenzugehen, wovon die Kirche heute und allezeit lebt, was Gott ihr auch gegenwärtig schenkt und was sie unabdingbar und unter allen Umständen zu vertreten hat. Letzteres versteht sich nicht von selbst, sondern kann nur im theologischen Gespräch ermittelt und in die Planungsarbeit eingebracht werden.
Demnach ist auch die Suche nach neuen Strukturen eine zutiefst theologische Angelegenheit, da sie die Kirchenordnung betrifft. Kirchenordnung ist ja mehr als eine dem Glaubensleben gegenüber neutrale "Struktur"; sie folgt der Lehre der Kirche und gibt so dem Glauben Raum; sie ist veränderlich in der Zeit, aber sie kann nicht beliebig einem experimentellen oder visionären Diskurs überlassen werden. Insbesondere der Eindruck einer Vernachlässigung eines ernsthaften theologischen Fragens zugunsten vermeintlich tragfähigerer Ideen aus dem Managementbereich und den Human- und Sozialwissenschaften ist der Anlaß, Christen in einer Arbeitsgemeinschaft zu versammeln, die auf den nachfolgenden Thesen aufbaut.

1. Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis
Die Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis ist ein Zusammenschluß von Gemeindegliedern innerhalb der Evangelischen Kirche der Pfalz. Die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft verstehen wir als Dienst in und an der Landeskirche. In unseren Zusammenkünften sollen auf der Grundlage des biblischen Zeugnisses altkirchliche und reformatorische Einsichten und deren Weiterführung in neuen theologischen Entwürfen im Hinblick auf die aktuelle Situation der Landeskirche, ihre Gemeinden und Einrichtungen, Werke und Verbände bedacht werden.

2. Bibel
Für die theologische Erkenntnis und die kirchliche Verkündigung ist die Bibel Grundlage. Sie will in ihrem ganzen Reichtum an Formen und Inhalten - mit Christus als deren Mitte - gelesen und ausgelegt werden. Dabei kann an Einsichten der reformatorischen Theologie angeknüpft
werden (Schriftverständnis, Rechtfertigungslehre, Unterscheidung von Gesetz und Evangelium).
Die Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis macht sich im Blick auf die Heilige Schrift drei Sätze des "Memorandums zur Pfälzischen Union" zu eigen, das von der Landessynode am 17.September 1993 in Kaiserslautern verabschiedet wurde (Memorandum 2,a+b):
"Auch heute ist die Bibel die lebenschaffende, einigende Kraft unserer Kirche."
"Als Glaubensgrund für das persönliche Leben und das Handeln der Kirche droht sie aus dem  Blickfeld zu schwinden."
"Wir ermutigen deshalb zum persönlichen und gemeinschaftlichen Umgang mit der Bibel."
Weil Christen damit rechnen, dass Gott selbst in seinem Wort Menschen begegnen will, hat die Bibel für den Glauben den Rang einer Letztbegründungsinstanz (sola scriptura). Ein der Anrede Gottes gewärtiges Lesen hat theologisch Vorrang vor historischen oder humanwissenschaftlichen Zugängen. Gleichwohl halten wir die wissenschaftlich-methodische Erforschung der Bibel für unersetzlich.
Wir lehnen dagegen einen Schriftgebrauch ab, der die Bibeltexte als sekundäre Hilfsmittel zur Begründung und Durchsetzung ideologisch motivierter Interessen und Ziele mißbraucht.

3. Lehre
Biblisch-theologische Lehre verhilft der Kirche zur Selbstprüfung ihrer Entscheidungen und Handlungen. "Lehre" ist hierbei nicht als einengende Verrechtlichung verstanden, sondern als eine zur Urteilsbildung notwendige Klärung dessen, was unbedingt in Geltung steht. Solche Lehre
muß in der pfälzischen Landeskirche klarer als bisher namhaft gemacht werden. Auch ist das ökumenische Gespräch auf Dauer nur denkbar, wenn die eigene Kirche ihre Lehre klar benennen kann.
Bei allen Strukturüberlegungen und Prioritätendebatten ist der Kirche darum die Klärung der Lehrfrage aufgegeben. Die Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis will zur Klärung dieser Frage nach dem Konsens in der Lehre anregen. Sie richtet sich damit gegen eine verbreitete Position, nach der theologischer Konsens heute nicht mehr möglich sei.
Es ist unser Ziel, dass Kirche urteilsfähig bleibt in der Vielfalt der Meinungen und Gruppeninteressen. Unsere Arbeitsgemeinschaft wirbt für eine befreiende Konzentration unseres innerkirchlichen Redens auf der Basis eines Lehrkonsenses.

4. Jesus Christus
Die Fülle der Offenbarung Gottes wird durch die kirchliche Lehre nie ausgeschöpft. In der Lehre von der Dreieinigkeit wird gleichsam versucht, sie zu umreißen; in dem Namen "Jesus Christus" und im "Wort vom Kreuz" ist sie konzentriert.
Das Christusbekenntnis hat die Kirche immer wieder vor Orientierungsverlusten bewahrt. So bekennt die Evangelische Kirche der Pfalz in § 1,1 ihrer Verfassung "mit der evangelischen Gesamtkirche Jesus Christus als den Herrn und das alleinige Haupt seiner Gemeinde."
"Was Christum treibet" ist damit nicht nur Leitfaden der Bibellektüre, sondern auch der Strukturplanung und der Fortentwicklung von Kirchenordnung. Auf allen Ebenen dient kirchliches Leben und kirchenleitendes Handeln der Klarheit des Christusbekenntnisses in der Welt.

5. Geistliches Leben
Zum geistlichen Leben gehören das Gebet, die Feier der Gegenwart Gottes im Gottesdienst und das fortdauernde Bibellesen. In den Zusammenkünften der Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis sollen darum gemeinsamer Gottesdienst, Abendmahl, Bibelgespräch, geschwisterliche Seelsorge und Gebet nicht fehlen. Damit bekennen wir unsere Bedürftigkeit, im Hören auf Gottes Wort zu leben und Vergebung und unsere Gemeinschaft aus Gottes zusagendem Wort, dem Evangelium, zu empfangen.
Insbesondere die Urteilsfähigkeit im Raum der Kirche ist verwurzelt im geistlichen Leben ihrer Glieder. Auch das Ringen um die Rechtsgestalt der Kirche muss vom gemeinsamen Hören auf Gottes Wort und von daraus erwachsender Liebe getragen sein.

6. Kirche
Im siebten Artikel des Augsburger Bekenntnisses werden die reine Verkündigung des Evangeliums und die rechte Verwaltung der Sakramente als zentrale Kernpraktiken kirchlichen Handelns benannt (in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta). Damit ist ausgesagt, was ausreicht (satis est), um Kirche als solche zu erkennen.
Zugleich ist damit aber auch beschrieben, wo Kirche - auch bei sich verändernder menschlicher Ordnung - an ihrem Ort ist: Ihr Ort ist da, wo Gott durch Menschen handelt und seine Gegenwart zusagt
In ihren Kernpraktiken, die mit den Stichworten "Wort" und "Sakrament" umrissen werden können, ist Kirche inmitten der Welt existent und mit ihrer gesamten Existenz, d.h. mit Gottesdienst (λειτουργεια), missionarischem Gemeindeaufbau (μαρτυρια), Unterweisung (διδασκαλια), gemeinschaftlichem Leben (κοινωνια) und seelsorgerlich-diakonischem Handeln (διακονια) öffentlicher Hinweis auf ihren Herrn, "bis er kommt" (1.Kor.11,26).
So betont die Barmer Theologische Erklärung in These 3: "Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern (und Schwestern), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte."
Die Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis will diese Einsichten verstärkt zur Geltung bringen, damit Kirche auch in einer Zeit theologischer Verunsicherung und Polarisierung erkennbar bleibt.
Die Arbeitsgemeinschaft erhofft sich von der Konzentration auf Grundbestimmungen und den Kernauftrag der Kirche neue Impulse, Klärungen und wachsende theologische Übereinstimmung jenseits der Alternativen "bewahren oder verändern", "konservativ oder progressiv", "rechts oder links". Bei allen Lebensäußerungen der Kirche muß gemeinschaftlich anhand der Schrift geprüft werden, was zu tun, zu bewahren, zu verändern oder zu verwerfen ist.

7. Ziele
Ausgehend von dem in den Abschnitten 1-6 Gesagten arbeitet die Arbeitsgemeinschaft Bibel und Bekenntnis an Positionen zu den verschiedenen kirchlichen Arbeitsfeldern. Die Arbeitsgemeinschaft versucht die innerkirchlichen Gespräche theologisch zu zentrieren und
einen innerkirchlichen Klärungsprozeß in Gang zu bringen.
Arbeitsgruppen vertiefen ihre Kenntnis der gegenwärtigen Situation eines kirchlichen Arbeitsfeldes und bemühen sich um eine theologisch fundierte Perspektive.
Die Arbeitsergebnisse der Zusammenkünfte sollen nach Möglichkeit der kirchlichen Öffentlichkeit bekanntgemacht werden. Auch wird eine Mitarbeit in der Landessynode angestrebt.

Verabschiedet am 30. August 1999 in Kaiserslautern


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http://www.litty-online.de/grundsatz.html
17.9.1999