Predigt
über Johannes 1, 45-51

Predigttext
Luther-Übersetzung (1984)

Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es! Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst,  weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Revidierte Elberfelder Übersetzung

Philippus findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose in dem Gesetz geschrieben und die Propheten, Jesus, den Sohn des Joseph, von Nazareth. und Nathanael sprach zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! Jesus sah den Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem kein Trug ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete und sprach: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Weil ich dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum, glaubst du? Du wirst Größeres als dies sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.

Urtext in Umschrift

Predigt

Liebe Gemeinde!

Bisher hat der Evangelist Johannes seinen Leserinnen und Lesern von der Taufe Jesu und von der Berufung der ersten Jünger erzählt. Nun ist Jesus auf dem Weg nach Galiläa, wo er in Kana, der Nachbarstadt seines Heimatortes Nazareth, mit seiner Mutter und seinen Jüngern zu einer Hochzeit eingeladen ist.
Irgendwo unterwegs machen Jesus und seine Leute Station. Doch Philippus kann nicht ruhig bleiben, ihn drängt es, von dem zu erzählen, was er erlebt hat, und so trifft er auf Nathanael: "Wir haben den gefunden, von dem uns Mose und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josefs aus Nazareth."
Also den Messias will er gefunden haben, der Philippus. Den endzeitlichen Abgesandten Gottes, von dem zum Beispiel Jesaja verheißt, er werde Krankheit und Schmerzen, Verletzung und Schuld auf sich nehmen und seinem Volk Frieden schaffen. Das wäre ja zu schön
Doch schon viele haben das von sich behauptet: Hochstapler, die die Massen anziehen und nicht einmal genau wissen, wovon sie reden, die Gottes Wort für ihre politischen Zwecke mißbrauchen.
Und dazu soll dieser Messias ausgerechnet aus Nazareth kommen. - Nazareth, das kennt Nathanael gut. Sein Nachbardorf in Galiläa, da war noch nie was los. Und an keiner Stelle der Schrift wird es auch nur erwähnt. Ganz im Gegensatz zu Kana: Sein Heimatort hat Tradition! "Was soll schon aus Nazareth Gutes kommen?", so fragt er.
Doch so schnell gibt Philippus nicht auf: "Du wirst schon sehen", davon ist er überzeugt, und er bringt ihn zu Jesus. Nathanael ist skeptisch. Was wird es diesmal für einer sein, der die Welt retten will.
Jesus erwartet ihn schon: "Siehe, ein aufrichtiger Israelit, an dem kein Falsch ist!" so begrüßt er ihn. Damit hat Nathanael nicht gerechnet. Jesus redet von ihm, als würde er ihn kennen. Als wüßte er, wie sehr er sich um das Verständnis der Verheißungen müht. Wie er alle Tage die Schriften studiert. Wie er ständig auf der Suche nach Erkenntnis und Wahrheit ist. Doch kann Jesus das wissen? Vielleicht begrüßt er alle so? Vielleicht will er mich nur einwickeln? Nathanael fragt nach: "Woher willst du das wissen? Woher kennst du mich?"
Wie kommt Jesus zu dieser Äußerung? Und was soll das überhaupt heißen, ein "wahrer Israelit ohne Falsch"? Mache ich etwa nichts falsch? Verstoße ich etwa nicht auch gegen Gebote Gottes? Habe nicht auch ich zu tragen an Alltagslügen und Mauscheleien, die sich manchmal einfach nicht vermeiden lassen? Was soll an mir besser sein als an den anderen? Nein, dieser Jesus hat den Mund einfach etwas zu voll genommen!
Jesus aber zeigt, daß er weiß, was er sagt: "Noch ehe Philippus dich traf, hab ich dich unter dem Feigenbaum gesehen."
Wir können nur vermuten, was Jesus da unter dem Feigenbaum gesehen hat. - Den schattigen Platz unter Feigenbäumen nutzten die jüdischen Theologen damals gerne zum entspannten Nachdenken. - Auf jeden Fall muß es bedeutend gewesen sein, denn den skeptischen Nathanael hat es überzeugt: "Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König Israels", so bricht es aus ihm heraus. Endlich hat er ihn gefunden, den Messias, den, der seine Fragen beantworten kann.
Daß Jesus ein Rabbi, ein Lehrer ist, ist nicht neu und zu dieser Zeit auch nichts besonderes. - Neu und geradezu spektakulär ist aber die zweite Erkenntnis: Nathanael erkennt in Jesus nicht nur der "König Israels", d.h. den König der Endzeit, den Messias, den Heilsbringer, den ihm Philippus angekündigt hat, sondern auch den "Sohn Gottes". Jesus ist nicht nur ein Mensch mit göttlichem Auftrag, sondern Gott selbst ist in Jesus anwesend.
Und Jesus setzt noch einen drauf: "Das glaubst du, nur weil ich dich unter dem Feigenbaum gesehen habe? Das war ja noch gar nichts." Wie damals der Stammvater Jakob in seinem Traum, so sollen auch die Jünger den Himmel offen sehen, und daß die Engel herauf- und herabsteigen, zwischen Gott da oben und Jesus, dem Gott hier unten.

Was verbindet uns mit Nathanael, dem "wahren Israeliten ohne Falsch", was hat Jesus uns anzubieten? - Das fragen wir uns.
Nathanael war auf der Suche. Er suchte den Sinn, den Sinn von Existenz und Welt, den Sinn seines eigenen Lebens, er suchte das Ziel, besonders sein eigenes Ziel.
Geht es uns nicht ähnlich, wenn wir die Welt betrachten, die Umweltverschmutzung, die Naturkatastrophen, Krieg und Hunger, Leid, das Mensch und Umwelt erleiden,
oder unser eigenes Leben, das sich eingespielt hat, das langweilig geworden ist, wo wir nicht weiterkommen, wo wir allein, gelangweilt, überladen oder überfordert sind, wo wir nicht wissen, was kommt? Vielleicht stehen wir vor dem Schulabschluß, dem Examen, oder auch vor dem Arbeitsamt, und wissen nicht, wie es weitergehen soll?
Nathanael wußte, wo ein frommer Jude seine Antworten zu suchen hatte: bei Gott, in seinem "Gesetz", wie die Juden die fünf Bücher Mose nennen, bei seinen Propheten, in seiner Heilige Schrift, dort waren und sind Antworten zu suchen und zu finden.
Aber das war offensichtlich nicht genug. Unter dem Feigenbaum, so vermuten einige Ausleger, hat er schwere theologische Probleme gewälzt, nach Antworten gesucht. Es war eben nicht alles so klar, wie Nathanael sich das gewünscht hätte.
Wir alle kennen solche "Feigenbäume" in unserem Leben: Wir stellen uns wichtige Fragen und wir suchen die Antworten an dem Ort, der uns als richtig erscheint, in der Weisheit der Bibel und anderer religiöser Schriften, in der Wissenschaft oder in psychologischen Ratgebern, und wir finden doch keine befriedigenden Antworten. Was wir lesen und hören verwirrt uns manchmal nur noch mehr, wirft neue Fragen auf.
In dieser Situation trifft ihn, "findet" ihn, den Nathanael, der Philippus. Philippus ist eben gerade Jünger Jesu geworden. Begeistert erzählt er jedem, den er trifft, von Jesus, dem Messias, den er, der ihn gefunden hat.
Werden wir nicht auch mißtrauisch, wenn uns jemand schnelle Lösungen anbietet. Ist das nicht zu einfach, ich suche, und da kommt einer und hat schon für mich das Finden erledigt! Und außerdem, wie gerne wären wir selbst draufgekommen!
Und diese einfache Lösung ist dann doch etwas zu einfach, sie "stinkt"! "Was kann denn schon Gutes aus Nazareth kommen?"
Kennen wir nicht auch die "Nazareths" in unserem Leben? "Das hab ich schon tausendmal versucht." - "Der hat mich noch jedes Mal im Stich gelassen." - "Da kriegt man doch immer das selbe zu hören."
Aber "Nazareth" hält den Nathanael schließlich doch nicht davon ab, die Einladung anzunehmen. Auch wenn er skeptisch und vorsichtig bleibt - vielleicht ist er schon oft enttäuscht worden -, versuchen will er es trotzdem.
Und tatsächlich, dieses Mal wird es kein Schuß in den Wind, keine Zeitverschwendung. Dieser Messias hält tatsächlich, was er verspricht. Er kennt ihn. Er sieht in ihn hinein. Er erkennt den Suchenden. Er sieht das aufrichtige Bemühen um Sinn und Antwort. Und er geht darauf ein.
Er kennt uns, liebe Gemeinde. Er sieht auch unser Suchen, unser Bemühen, unser Fragen. Er geht auch auf uns ein, das kann uns diese Geschichte sagen. Er weiß, was wir brauchen. Er kennt unsere geheimen Nöte und Sorgen, er kennt unsere suchenden Gedanken unter unseren "Feigenbäumen".
Und er geht auch auf unsere "Nazareths" ein. Gott ist nicht beleidigt, wenn wir skeptisch sind. Er kommt uns entgegen. Er zerstreut unsere Bedenken. Er läßt sich kritische Fragen stellen, und er kann sie beantworten.
Für uns gilt bereits, was Jesus dem Nathanael verheißen hat: Wir können den Himmel offen sehen! Denn als "im Tempel der Vorhang zerriß", da riß "der Heiland die Himmel auf", wie wir vielleicht gerade im Advent gesungen haben. Jesus hat durch seinen Tod am Kreuz die Kommunikation Gottes mit den Menschen wieder eröffnet.
Täglich können wir erleben, wie die Engel herauf- und herabsteigen. Jesus Christus, den Nathanael damals kennenlernte, stand in ständiger Verbindung mit Gott seinem Vater, und diese Verbindung hat er uns, als er zu seinem Vater zurückkehrte, dagelassen.
Diese "Engelsleiter" ist für uns alle da zu finden, wo wir Fragen, Lasten und Nöte nach oben schicken und Trost, Erleichterung und Antworten von dort erhalten. Jesus Christus selbst wartet am oberen Ende, um uns zu geben, was wir brauchen. Er schickt uns Engel, um uns zu trösten, zu heilen, uns Antworten zu geben, uns zu begleiten, Engel, die geduldig zuhören, Engel, die uns manchmal ein nötiges hartes Wort sagen, und wir können gewiß sein, daß Engel genauso auch unsere Anliegen nach oben mitnehmen.
Darum, liebe Gemeinde, lassen Sie uns nicht müde werden im Suchen und Fragen, denn Gott verheißt uns Antworten!
Uns ist zugesagt, was als Losung über dem Jahr 2000 steht:
"Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, dann will ich mich von euch finden lassen."
Amen

Georg Litty, Rieslingweg 4, D-67146 Deidesheim/Pfalz

geschrieben am 18. Januar 2000
gehalten am 2. April 2000 in der Evangelischen Kirche in Meckenheim/Pfalz


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