Predigt
über Markus 2,18-22
zum 2. Sonntag nach Epiphanias 2001
Schriftlesung: Johannes 2, 1-10
Lied vor der Predigt:EG 70 (Wie schön leuchtet der Morgenstern), 1.4.6
Kanzelgruß: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe
Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Amen
Liebe Gemeinde,
vor drei Wochen haben wir am Heiligen Abend den
Geburtstag Jesu Christi gefeiert.
Meine Tante mütterlicherseits und mein Onkel
väterlicherseits durften an diesem Tag auch ihren
Geburtstag feiern. Mit Geburtstagen ist es so eine Sache:
Einen Tag lang steht man im Mittelpunkt,
einen Tag lang sind alle nett und freundlich,
es wird gefeiert:
einen Tag lang ist alles anders.
Und danach?
Wenn wir mal von nachträglich eingehenden
Geburtstagskarten absehen, ist am Tag danach meistens
wieder alles so wie vorher, als wäre nichts gewesen.
Oder es bleibt sogar noch ein Gefühl von Leere
zurück.
Mit der Geburt dieses Kindes in der Krippe war das anders.
Nichts mehr wie gehabt, nicht mehr der selbe Trott wie zuvor.
Und das hat Folgen. Unser Predigttext spricht davon.
Im Markusevangelium lesen wir im zweiten Kapitel:
Die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer
fasteten gerade. Da kamen sie und fragten Jesus: Warum fasten
die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer,
deine Jünger aber nicht? Jesus antwortete ihnen:
"Es ist völlig undenkbar, daß die Hochzeitsgäste
fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist.
Es werden aber Tage kommen, an denen der Bräutigam von ihnen
weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten, an diesem Tag."
"Niemand näht einen Flicken aus neuem Stoff auf einen alten
Mantel. Wenn aber doch, dann wird der Flicken wieder abreißen
und den alten Mantel noch mehr beschädigen.
Ebenso wird niemand neuen Wein in alte Schläuche gießen.
Wenn aber doch, dann wird der neue Wein die alten Schläuche
zum Platzen bringen und ebenso wie die Schläuche verlorengehen."
Kanzelbitte: Herr, segne dein Wort, damit es vollbringe, wozu
du es sendest. Amen
Zunächstmal: Jesus hatte nichts gegen Recycling. Im Gegensatz
zu unseren heutigen Pfandflaschen waren die damaligen Aufbewahrungsgefäße
aber nicht sehr haltbar:
Der neue Wein hätte sie zum Platzen gebrachte und dadurch
zerstört, und, viel wichtiger: Der Wein wäre dabei ebenfalls
verlorengegangen.
Auch bei dem Mantel geht es um das neue Element: Der neue Flicken
ist zu schade für den alten Mantel. - Und sinnvoll ist die
Reparatur sowieso nicht. Hausfrauen und -männer unter uns
wissen das aus eigener Erfahrung: Alter und neuer Stoff vertragen
sich nicht, kommen oft ganz unterschiedlich aus der Waschmaschine.
Jesus will sagen, daß es keinen Sinn hat, Altes und Vergangenes
in die neue Zeit hinüberzu"retten".
Konkret ging es damals um das Fasten.
In den meisten Religionen gibt es diese "zeitweilige Enthaltung
von Nahrung und Trank" - wie ein theologisches Wörterbuch
das Fasten definiert -, so auch im Judentum.
Während das Fasten hier ursprünglich nur für ganz
wenige Anlässe vorgeschrieben und ansonsten der persönlichen
Entscheidung jedes und jeder einzelnen überlassen war,
hatten sich einige Gruppen zur Zeit Jesu freiwillig weiteren Fastenregeln
verpflichtet:
Sie fasteten regelmäßig jede Woche an Montagen und
Donnerstagen. Der Sabbat und Festtage waren dagegen prinzipiell
vom Fasten ausgenommen.
In unserem Text ist vor allem von den Anhängern des Täufers
Johannes die Rede. Wie es legitim und recht war, hatten sie sich
zum regelmäßigen Fasten entschieden.
Dadurch wollten sie ihre Bereitschaft zeigen, ihr Leben zu
ändern und sich Gott neu zuzuwenden.
Umso verwunderter waren sie, daß Jesus,
den Johannes selbst als den Zielpunkt seines ganzen eigenen Lebenswerks
anerkannt und proklamiert hatte,
das offenbar ganz anders sah.
Jesus kann das aufklären:
Von nun an weht ein neuer Wind in Israel.
Wir kennen das aus dem Arbeitsleben: Eine neue Vorgesetzter, eine
neue Vorgesetzte krempelt schnell mal die ganze Abteilung um,
es gibt neue Pläne, neue Vorgaben, neue Anforderungen.
Bei Jesus gibt es jedoch nichts von all dem. Er fordert nicht
mehr, sondern weniger.
Deshalb ist hier die Rede von einem Fest, von einer Hochzeit.
Schon dem Propheten Hosea (2,21f.) hatte sich Gott als Bräutigam
seines auserwählten Volks vorgestellt.
Und jetzt endlich steht die Hochzeit an,
das Verhältnis Gottes zu seinen Menschen steht kurz vor der
Vollendung.
Wer wird da fasten?
Das Fasten steht hier auch für all die anderen Methoden,
wie Menschen seit jeher versuchet haben und versuchen, sich bei
Gott "beliebt zu machen".
Dazu kommt, daß solche frommen Traditionen oft im Laufe
der Zeit ihren eigentlichen Sinn verloren haben.
Denken wir nur mal an Gebete, die wir unaufmerksam mitsprechen,
an die tägliche Bibellese, die manch einer oder eine von
uns nur widerwillig hinter sich bringt,
der sonntägliche Gottesdienst, der bei manchen doch nur zum
"Kirchenschlaf" führt, ...
Der Tod Jesu am Kreuz, an den wir uns in einigen Wochen ausführlich
erinnern werden, hat uns von solchem Leistungsdenken befreit.
Was bisher verdient werden mußte, wird uns nun geschenkt.
Und mehr als Ja zu sagen wird nicht von uns erwartet.
Wieder frage ich: Wer wird da fasten?
Wer wird da fasten? - Jesus sagt uns, wer trotz all dem eben Gesagten
fasten wird.
"Es werden Tage kommen, wenn der Bräutigam von ihnen weggenommen
sein wird, dann werden sie fasten, an diesem Tag."
Zunächst meint Jesus damit seinen Todestag, den Zeitpunkt,
zu dem alles so aussehen muß, als sei sein Lebenswerk komplett
gescheitert.
Ein schlimmer Tag für seine zurückgebliebenen Freunde
und Anhänger.
Wenn sie um ihren geliebten Verstorbenen und die verlorene Hoffnung
trauern, wegen der sie ihm nachgefolgt waren,
kann ihnen das Fasten als körperlicher Ausdruck ihres inneren
Leidens helfen, ihre Gefühle vor Gott zu bringen.
Aber Jesus meint nicht nur den Zeitpunkt seines Todes.
Er spricht auch von "den Tagen, die kommen werden", weil er weiß,
daß immer wieder Tage kommen werden,
in denen Menschen den Glauben beinahe verlieren,
die Gewißheit vergessen,
die Liebe nicht mehr spüren,
an sich selbst und der Welt, die sie erleben, verzweifeln.
Das können Zeiten sein, in denen Menschen die Worte und Wege fehlen, Gott im Gebet, in der Heiligen Schrift, im Singen alter und neuer Lieder zu begegnen.
Für diese Menschen sind dann andere Wege nötig, und
das Fasten kann einer davon sein.
Fasten kann in diesem Zusammenhang nicht nur die "zeitweilige
Enthaltung von Nahrung und Trank" sein.
In unserer vollen, unserer überfüllten Zeit gibt es
vieles mehr, das wir weglassen können, wenigstens zeitweilig,
um innere, vielleicht auch äußere Ruhe zu finden:
Der Drang nach Vergrößerung unseres Besitzes,
der Wunsch, im Vordergrund zu stehen,
das Streben danach, der oder die Beste zu sein, möglichst
viel Leistung zu bringen,
die Verzweiflung über den verlorenen Arbeitsplatz,
die Suche nach der "perfekten Beziehung", ...
Es gibt vieles, das uns möglicherweise den Blick auf Gott
und sein helfendes Eingreifen versperrt.
Und es sind nicht immer nur Dinge, von denen wir "eigentlich"
wissen, daß sie falsch sind.
Es kann auch ein "Zuviel des Guten" geben.
Zu Anfang habe ich gesagt, mit Jesus wird alles neu, alles anders.
- Wie paßt das zu meinen Ausführungen über die
Vorzüge von Fasten und Verzicht?
Ist doch alles wieder wie vorher, daß ich von Gott nur dann
etwas bekomme, wenn ich es mir verdiene?
Das Gegenteil ist der Fall: Was ich nicht verdient habe, wird
mir geschenkt.
Das Gebot ist zum Angebot, die Aufgabe zur Gabe geworden.
Gottes Heil und Gottes Liebe stehen uns in aller Fülle kostenlos
zur Verfügung.
"Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden:
Komme, wen dürstet, und trinke, wer will!
Holet für euren so giftigen Schaden
Gnade aus dieser unendlichen Füll!
Hier kann das Herze sich laben und baden!
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden."
(EG 66,7)
Amen
Lied nach der Predigt: EG 66 (Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude), Verse 1.3.7.8
Georg Litty, Rieslingweg 4, D-67146 Deidesheim/Pfalz
geschrieben am 12. Januar 2001
gehalten am 12. Januar 2001 im Homiletischen Seminar Tübingen
und am 14. Januar 2001 in der prot. Kirche zu Alsheim-Gronau
und in der prot. Kirche zu Meckenheim/Pfalz